FAQ zum Primärarztsystem
Das geplante Primärarztsystem wirft viele Fragen auf – insbesondere im Hinblick auf die Auswirkungen im Praxisalltag. Viele der diskutierten Aufgaben gehören bereits heute zum hausärztlichen Versorgungsspektrum.
Die folgenden Fragen und Antworten ordnen zentrale Aspekte ein und zeigen, wo sich Veränderungen ergeben können und wo auf bestehenden Strukturen aufgebaut wird.
Bedeutung für die hausärztliche Praxis
Die grundlegenden Aufgaben hausärztlicher Praxen bleiben unverändert. Die Behandlung, Einschätzung und Koordination von Patientinnen und Patienten gehören bereits heute zum Kern der hausärztlichen Tätigkeit.
Ein Primärarztsystem kann jedoch dazu führen, dass diese Aufgaben stärker strukturiert und organisatorisch klarer abgebildet werden.
Ja, auf jeden Fall. Im Koalitionsvertrag ist verankert, dass die KVen für priorisierte schwere Behandlungsfälle Facharzttermine zur Verfügung stellen. Dies wird dazu führen, dass die Arbeitsbelastung in unseren Praxen deutlich sinken wird, da komplexe, zeitintensive Probleme nicht in Hausarztpraxen zwischengelagert werden (z. B. Suizidandrohung, neue rheumatische Erkrankungen).
Handlungsbedarf kann insbesondere dort entstehen, wo Versorgungsprozesse stärker strukturiert oder formalisiert werden. Dies betrifft beispielsweise die Priorisierung von Behandlungsanlässen, die Koordination von Überweisungen oder organisatorische Abläufe innerhalb der Praxis. Gleichzeitig bestehen hierfür bereits heute vielfach etablierte Ansätze und Erfahrungen, die aus der Hausarztzentrierten Versorgung (HZV) entnommen werden können.
Die Einschätzung der medizinischen Dringlichkeit gehört bereits heute zu den zentralen Aufgaben hausärztlicher Praxen.
Ein Primärarztsystem kann diese Aufgabe stärker systematisieren und durch klarere Strukturen unterstützen.
Ziel ist es, Behandlungsbedarfe gezielter zu steuern und vorhandene Ressourcen bedarfsgerecht einzusetzen. Die KVen werden verpflichtet, fachärztliche Termine für priorisierte Behandlungsfälle zur Verfügung zu stellen.
Das SmED-Verfahren ("Strukturierte medizinische Ersteinschätzung in Deutschland") hat sich im Notdienst bewährt. Für Hausarztpraxen mit Krankheiten im Niedrigprävalenzbereich gibt es jedoch bisher keine evaluierten "digitalen Ersteinschätzungsverfahren". (Quelle: Studien der TU Berlin sowie der Vortrag von Frau Prof. Dr. Eva Hummers, Direktorin des Instituts für Allgemeinmedizin der Universitätsmedizin Göttingen und Präsidentin der DEGAM, auf dem Ersatzkassenforum 2026 der vdek-Landesvertretung am 19.08.2026 in Hannover)
Somit sind die Forderungen einiger Krankenkassen nach einer zwingenden digitalen Ersteinschätzung vielmehr machtpolitisches Wunschdenken und kein zeitnahes realistisches Szenario.
Hausärztinnen und Hausärzte bilden eine zentrale, verlässliche Anlaufstelle für Versicherte in Deutschland.
Sie übernehmen die Behandlung, die Einschätzung von Behandlungsbedarfen sowie die Koordination weiterer Versorgungsschritte.
Damit kommt ihnen eine zentrale Rolle bei der Strukturierung und Steuerung der ambulanten Versorgung zu.
Einordnung und Hintergründe zum Primärarztsystem
Ein Primärarztsystem beschreibt eine Versorgungsstruktur, in der die hausärztliche Praxis die erste Anlaufstelle für Patienten oder Patientinnen ist. Von dort aus erfolgt die medizinische Einschätzung, Behandlung sowie bei Bedarf die koordinierte Weiterleitung in die fachärztliche Versorgung.
Die Hausarztzentrierte Versorgung (nach § 73b SGB V) ist ein klassisches freiwilliges Primärarztsystem, bei dem sich in Niedersachsen schon mehr als 1,5 Millionen Versicherte angemeldet haben. Insbesondere die Innovationskraft und Verbindlichkeit der Verträge scheinen Haupterfolgsfaktoren zu sein.
Das Gesundheitssystem steht insgesamt vor finanziellen und strukturellen Herausforderungen, insbesondere durch steigende Versorgungsbedarfe und begrenzte fachärztliche Kapazitäten. Zudem gibt es bundesweit aktuell eine gleichzeitige Unter-, Über- und Fehlversorgung. Ein Primärarztsystem soll dazu beitragen, Versorgungswege klarer zu strukturieren und medizinische Leistungen bedarfsgerechter einzusetzen.
Ein Primärarztsystem kann dazu beitragen, dass durch eine verbindliche Einschreibung in eine Hausarztpraxis alle Versicherten weiterhin Zugang zu einer qualitativ hochwertigen Versorgung haben. Durch die Hausarztpraxis können viele medizinische Anliegen frühzeitig eingeordnet und behandelt werden. Dies kann zu einer schnelleren (fachärztlichen) Weiterbehandlung im Versorgungssystem, einer koordinierten Übergabe zwischen den Versorgungsebenen (auch zurück zur Hausarztpraxis mit allen Unterlagen wie Arztbriefen etc.) und einer insgesamt strukturierteren Versorgung mit weniger Doppeluntersuchungen führen. Durch ein verbindliches Einschreibesystem erhält der Patient auch in ländlichen Gebieten die Garantie, durch seine Krankenkasse eine Hausarztpraxis zum Anmelden genannt zu bekommen.
Nein, die freie Wahl in der Versorgungsebene bleibt bestehen.
Ja, gerade in ländlichen Regionen kann ein Primärarztsystem dazu beitragen, Versorgungsstrukturen zu stabilisieren und Modelle wie die Hausärztlichen Primärversorgungszentren (HPVZ in Niedersachsen und HÄPPI bundesweit) auszubauen. Ein HPVZ übernimmt hier eine zentrale Rolle als koordinierende Anlaufstelle im regionalen Versorgungsgeschehen.
Bestehende Modelle wie die hausarztzentrierte Versorgung (HZV) zeigen bereits heute, wie koordinierte Versorgung über hausärztliche Praxen funktionieren kann und haben als Innovationsmotor in der Versorgung wichtige Impulse geliefert (z. B. VERAH®). Sie liefern wichtige Erfahrungen für die Weiterentwicklung eines Primärarztsystems.
Akute Notfälle sind von den Regelungen eines Primärarztsystems nicht betroffen. Die Versorgung erfolgt weiterhin unmittelbar über die bestehenden Notfallstrukturen, beispielsweise über den Rettungsdienst oder die Notfallnummern.
Wer sich nicht an die Regeln hält und drängelt, sollte selbst zahlen (alternativ ggf. Kostenerstattungsverfahren im Einzelfall durch Krankenkassen). Ausgenommen bleiben Notfälle oder akuter medizinischer Handlungsbedarf.
